In Aachen den Anker geworfen

Es gibt Zeiten im Leben, in denen man Geschichten erlebt, und es gibt dann eine Zeit, in der man diese Geschichten erzählt. Genau in diesem Abschnitt seines Lebens ist Ulrik Remy in Aachen gelandet. Wenn jemand eine Reise tut, hat er was zu erzählen. Das Leben von Ulrik Remy ist eine einzige Reise. In 50 Jahren ist er alle neun Monate umgezogen. Sein Oeuvre als Künstler ist beeindruckend: 14 Musik-Alben, sieben Sinfonien, sechs Konzerte, drei Hörbücher mit Kurzgeschichten und ein autobiografischer Roman hat der mittlerweile 70-jährige Weltenbummler veröffentlicht und noch hat er so einiges in petto.  Aber beginnen wir ganz am Anfang.

1949 erblickt er mit Aussicht auf die Zeche Holland in Wattenscheid das Licht der Welt. Nach einigen Gymnasien landet er nach mehreren blauen Briefen im Internat am Ammersee. Dort wird er von Carl Orff und Rafael Kubelik, die sein musikalisches Talent erkennen, gefördert. Sein Vater darf davon nichts erfahren, denn seiner Meinung nach soll er schließlich etwas Anständiges lernen.

Lange hält es ihn aber auch dort nicht. Zurück nach Köln geholt, macht er in den Ferien seine Seefahrer-Patente. Obwohl er nicht mehr nach Süddeutschland zurückkehrt, dirigiert er mit gerade mal 18 Jahren sein erstes Konzert. Nach dem Abitur geht es auf große Fahrt – Seemeilen sammeln. Als er auf Bali an Land gehen möchte, wird er auf einmal verhaftet und steht kurz vor der Hinrichtung. Diese Geschichte hat er in seinem autobiografischen Roman „Ohne Chance in Denpasar“ erzählt. (siehe dazu Seite 13)

Nach seiner Rückkehr verweigert er den Kriegsdienst und leistet Ersatzdienst in Freudenstadt, er heiratet, verliert das Kind, die Ehe zerbricht. So geht er 1971 zurück zu seinen Eltern nach Gelsenkirchen. Er beginnt ein Jurastudium auf Drängen seiner Eltern, hängt aber lieber in Kneipen rum und wird Kneipensänger. Auf Vermittlung von Karl Dall bekommt er einen Schallplattenvertrag. 1974 schreibt er den Hit „Die Kneipe“ und tingelt damit durch ganz Deutschland.

Bis in die 80er Jahre hinein schreibt er Songs und gibt bis zu 200 Konzerte im Jahr. Im Westerwald wird er für einige Jahre mit seiner Familie sesshaft.

1979 arbeitet er an der Ausstrahlung von „Holocaust“ und der WDR Sendung „Braune Schafe“,.Dies führt zu einem Mordanschlag, bei dem fast ein enger Freund stirbt. Mitte der 80er Jahre zieht es ihn nach Italien. Neben Vorlesungen an der Universität von Siena in Italien baut er in Spanien einen eigenen Lokalsender auf. Er pendelt zwischen Spanien, Italien und Deutschland – alles mit dem Auto. Als 1989 Lokalradios zugelassen werden, gründet er in Arnsberg im Sauerland eine Agentur für Radiowerbung und tritt gelegentlich wieder auf. Des Reisens überdrüssig geht er 1994 nach Fort Lauderdale in Amerika und fällt auf deutsche Betrüger rein, die ihn, als er seinen Lohn verlangt, brutal zusammenschlagen. Er landet auf der Straße. Durch einen Freund bekommt er eine Stelle in einer Telefongesellschaft. Wie das nur in Amerika möglich ist, macht er schnell Karriere. Er entwickelt eine Software für sekundengenaue Abrechnung von Ferngesprächen. Diese werden zu jener Zeit in den USA noch im 10 Sekundentakt abgerechnet. Er sichert sich das Urheberrecht und gründet seine eigene Firma. Seine Firma wächst rasant bis 2004, kurz bevor er die Firma verkaufen möchte, Hurrikan Frances zuschlägt und sechs Wochen das Netzwerk lahmlegt. Die Versicherung zahlt nur einen Teil des Schadensersatzes, und er verliert fast alles. Er tingelt rum und kauft schließlich ein Hausboot, das einst für Mitarbeiter von Hugh Hefner gebaut worden war.  Dort fängt er wieder an zu musizieren. 2015 geht er dann der Liebe wegen wieder zurück nach Deutschland und landet in Aachen. Die Liebe hält nicht, dafür aber seine Liebe zu Aachen.

Jetzt wohnt er in der Nähe des Stadtparks und genießt seine Spaziergänge mit seinem Hund. Er fühlt sich wohl in Aachen, obwohl es hier keinen Hafen gibt. Dafür hat Ulrik Remy hier die Zeit und Ruhe um Sinfonien und Bücher zu schreiben. Daher ist er auch gar nicht so traurig, dass es in Aachen keinen Hafen gibt, sonst würde er anstatt zu schreiben wieder mit dem Boot auf dem Wasser unterwegs sein. Wer Ulrik Remy kennenlernen möchte, kann dies jeden Samstag um 18 Uhr auf Facebook. Dort liest er aus seinen Werken